8. Tag
22. August 1999
Sonntag
57 km
Esztergom - Budapest
 

Wir immer frühstücken wir um 8.30 Uhr, nachdem wir vorher unser Reisegepäck an der Rezeption deponiert haben. Der Himmel ist strahlendblau, Petrus meint es anscheinend wieder gut mit uns.

Nach dem Frühstück geht's ein letztes Mal auf die Räder. Unser heutiges und damit letztes Ziel ist Budapest bzw. Szentendre, der Treffpunkt um 15 Uhr mit Fritz. Von dort will er uns mit seinem "Gepäckwagen" mit nach Budapest nehmen, um uns damit die Fahrt durch die Großstadt zu ersparen. Um zu diesem von ihm vorgeschlagenen Treffpunkt zu gelangen, hat er uns noch eine andere Touren-Variante genannt. Auf der Szentendre-Insel sollen wir nicht die vorgegebene Fähre nehmen, sondern die im Süden der Insel. Es handelt sich hierbei um eine kleine Personenfähre, die genau dort auf der anderen Seite der Donau ankommt, auf der Fritz auf uns warten wird.

Wir starten unsere Reise mit einem kleinen Schlenker in Richtung Kathedrale und fahren dann auf der "11" in Richtung Visegrad - Budapest = 65 km.

10 Kilometer hinter Esztergom halten wir an einem ABC-Laden (Kiosk) und versorgen uns mit Getränken (2 lt. Wasser und 1,5 lt. Wein = 200 HUF). Weiter geht es zwar auf der Straße, aber immer entlang der Donau. Es ist eine traumhafte Fahrt in einer traumhaften Landschaft bei traumhaftem Wetter! Was würde Ines dazu sagen? "Da geht einem das Herz auf!" Recht hätte sie.

Aus der Ferne entdecken wir die Burgruine von Visegrad, sie thront hoch über der Donau. Die Ruine des Königspalastes stammt aus dem 13./14.Jh. Es handelte sich um eine der schönsten Burgen seiner Zeit, die in den Türkenkriegen teilweise zerstört wurde; der Rest erfolgt durch die Habsburger.


Zwischen dem Burgberg und der Donau liegt nur die Bundesstraße 11. Hinter dem Berg mit der Ruine, in der zweiten Reihe, sehen wir ein riesiges Gebäude. Wir vermuten, daß es sich um einen ehemaligen Bonzenbau handelt, wegen der beneidenswerten Lage.

Schon bald erreichen wir die kleine Fahrradfähre. Da wir noch ca. ½ Stunde Zeit haben bis zur Abfahrt, setzen wir uns ans Ufer und genehmigen uns ein Plastikgläschen Wein.

 

Die Überfahrt zur Szentendre-Insel ist kurz. Mit uns zusammen fährt auch die 4er-Gruppe mit den 3-Gang-Rädern. "An Bord" erzählt Heiko ein paar Döntjes, die Stimmung auch bei den 4ern ist locker.

Es ist eigentlich Zeit zum Essenfassen, aber wir wollen nicht gerade hier an der Fähre Rast machen, darum fahren wir zunächst weiter. In Tahitotfalu suchen wir im Ort nach einer Czárda, aber leider ohne Erfolg. Wir fahren suchend ein wenig kreuz und quer und dann schließlich weiter. Nach ca. 8 km sehen wir direkt an der Donau die Pokol Czárda (Höllentscharda) liegen. Ganz idyllisch unter großen Kastanienbäumen, mit weißen Zäunen und weißem Gestühl mit rotweißen Tischdecken. Es ist jetzt schon 13.30 Uhr, aber wenn wir uns beeilen, dann sind wir rechtzeitig um 15 Uhr am Treffpunkt mit Fritz. Wir gleichen auf der Karte unseren Standort ab und genießen unser Mittagessen (Karpfen und Zander).

Dann geht's wieder auf die Räder, aber am Fähranleger kommen uns Zweifel ob der Richtigkeit unserer Route.

Wir befragen eine junge Frau, die die Tickets für die Überfahrt ausgibt und erfahren, daß wir total falsch sind. In Tahitotfalu hätten wir abbiegen müssen nach Pocsmegyer, dadurch haben wir einen Umweg von 16 (!) Kilometern gemacht.

Fazit: Hätten wir uns nicht verfahren, wären wir nie in der Pokol Czárda gelandet. Grausam, allein der Gedanke!

Wir sind nun der Ansicht, daß wir unser Date mit Fritz vergessen können. Trotzdem treten wir kräftig in die Pedale und erreichen um 15.45 Uhr die Fähre. Leider müssen wir nun noch ca. 30 Min. bis zur Abfahrt warten.

Aber auf der anderen Donauseite meinen wir Fritz' Auto zu erspähen! Oder haben wir Halluzinationen? Ich stelle mein Rad mit den roten Taschen unten quer zum Wasser, damit Fritz uns erkennen kann, falls es tatsächlich sein Auto ist und er noch auf uns wartet. Am anderen Ufer angekommen bestätigt sich unsere Vermutung: Es ist Fritz mit seinem großen Wagen mit Radanhänger.

Große Begrüßung mit großem Hallo, unsere Räder kommen auf den Trailer und wir verschwinden im Auto.

 

Dann geht die Fahrt nach Budapest. Um 17.30 Uhr erreichen wir das Hotel Liget, das nun für zwei Nächte unser Zuhause sein soll und sind eigentlich ganz froh, daß uns die Radfahrt durch Budapest erspart geblieben ist. - Trotzdem muß ich sagen, auch so eine Radfahrt in der Rush-hour durch eine Millionenstadt hat etwas. Wenn ich da an unsere Ankunft in Wien vor 4 Jahren denke. Die letzten 5 Kilometer waren zwar anstrengender als die 85 davor, aber missen möchte ich das Erlebnis nicht.

Das Hotel ist sehr schön, gar kein Vergleich mit dem Hotel Esztergom. Heiko springt als erster unter die Dusche, wird aber gleich gebremst, da die Umschaltung der Mischbatterie nicht funktioniert. Nun ist die Gelenkigkeit von ihm, und danach von mir, gefragt, unter dem Wasserstrahl des Wannenzulaufs den Körper zu benetzen.

Beim Rezeptionisten (wienerisch) reklamieren wir den Mangel beim Verlassen des Hotels. Man will sich drum kümmern (Anm.: man hat - bei unserer Rückkehr funktioniert die Umschaltung).

Wir machen uns auf den Weg in die Stadt, ohne zu wissen, was wir eigentlich wollen. Jedenfalls bewegen wir uns zunächst einmal in Richtung Donau. Nach etlicher Zeit erreichen wir die Wasserseite. Wir sehen die Kettenbrücke, deren Beleuchtung gerade angegangen ist,

und auf dem anderen Ufer in Buda, wir befinden uns in Pest, die angestrahlte Burg sowie die Fischerbastei. Wir sind begeistert und überwältigt von dem Anblick.

Mittlerweile melden sich unsere Mägen, aber wir finden kein Lokal. Man feiert hier den 3. Tag des Nationalfeiertages und überall brummt der Bär. Aber außer Burgerking und Pizzaläden können wir hier nichts entdecken, was unseren Vorstellungen entspricht. Schließlich landen wir im Restaurant Gambrinus (zum Hotel Taverna gehörig). Im ersten Stock gelegen betreten wir die "heiligen Hallen". Es riecht förmlich nach Vornehmheit. Ein Kellner im Frack begleitet uns an einen Tisch und bringt uns die Speisekarte. Mein Gott, wo sind wir hier gelandet ?? Die Preise haben gehobenes Hamburger Niveau.Als der Ober kommt und uns mit weißen Handschuhen und einer Zange je 1 Brötchen, 1 Scheibe Toast und 1 Scheibe Weißbrot zusammen mit einem Schälchen angemachten Quarks kredenzt, habe ich das Gefühl zu platzen! Wo sind wir hier gelandet? Mein Kamm schwillt an!!!

Ich entscheide mich für eine Gulaschsuppe - mehr nicht. Dann treten Irritationen auf, weil Heiko zu der Vorsuppe noch ein Hauptgericht bestellt. Aber wir wollten doch nur eine Vorspeise essen! Rolf und Ilse bestellen auch eine Vorsuppe u n d ein Hauptgericht! Bin ich im falschen Film????
Es bleibt mir nichts anderes übrig, als zur Suppe auch ein Hauptgericht zu bestellen.
Nun werden zunächst sämtliche Bestecke und Gläser, die nicht benötigt werden, abgeräumt. Dann kommt der Wein (Chardonnay 3.300 HUF) im Sektkübel mit Serviette. In der Ecke des Lokals spielt ein alter Mann auf dem Zimbal - viel zu laut, die Unterhaltung wird dadurch gestört. Dann kommen zwei Kellner mit 4 Tellern mit Silberhauben. Zeitgleich werden die Teller plaziert und zeitgleich die Deckel angelupft.
Es fehlen nur noch die Kommandos! Wir beginnen zu essen, als der Zimbalspieler an unseren Tisch kommt und etwas von "Zigeunermusik " und "ungarisch" schwafelt. Um mich aufzumuntern bestellt Heiko "Komm' mit nach Varaszdin". Versteckt öffnet der alte Mann seine linke Hand und zeigt Heiko einen großen Geldschein. Aha, moderne Bettelei!! Heiko gibt ihm ein paar Münzen, beleidigt schleicht der Giftzwerg von dannen und spielt natürlich nicht den Wunschtitel.

Wir konzentrieren uns auf unser Essen. Mein Hühnerbrustfilet hat zwei große Knorpelstücke. Das Fleisch ist mit Käse überbacken, dazwischen liegt Obst. Aber alles ist lauwarm. Bei den anderen ist es ebenfalls nicht heiß. Bei Heikos Gericht ist die Gemüsebeilage zäh. Wir essen schnell, müssen lange auf die Rechnung warten und verlassen das Lokal, ohne ein Trinkgeld zu geben.

Ich bin kurz vorm Platzen, aber eigentlich ist diese ganze Sache eine reine Lachnummer. Der behandschuhte Lackaffe von Kellner hätte einen guten Pantomimen abgegeben. Später lese ich in einem Budapestführer, daß wir in einem der nobelsten Restaurants Ungarn getafelt haben. Nein, das war nicht mein Ding, und die Qualität der Speisen ließ sehr zu wünschen übrig!

Nun bräuchten wir eigentlich noch einen Absacker zur "Bereinigung", aber im Hotel ist die Bar bereits geschlossen. Also nehmen wir die 4 "Medizinflaschen" von Fritz für Ilses Schienbein und leeren sie auf unserem Zimmer.