4. Tag
18. August 1999
Mittwoch
70 km
Bad Deutsch-Altenburg - Mosonmagyarovar
 

Nachts hat es geregnet, aber nun ist es - jedenfalls von oben - trocken. Wir starten in Richtung Mosonmagyarovar.

-Wir fahren zunächst auf Hainburg, müssen die Bahnlinie unterqueren und kommen in die Altstadt. Ilse und ich versorgen uns mit Fressalien aus dem Supermarkt, mit Getränken, Brot, Wurst und Käse für unser geplantes Picknick. Dann geht es weiter durch die Stadt und danach auf den Radweg. Wir fahren durch Wolfsthal und kommen an die österreichisch-slowakische Grenze. Die österreichische Zöllnerin ist sehr muffelig.

Jenseits geht es auf sozialistischen Plattenwegen nach Bratislava (Preßburg) rein. Die Burg thront hoch über der Stadt.

Bratislava ist die Hauptstadt der Slowakei, in ihr leben 450.000 Einwohner. Die Wiener betrachteten Bratislava bis 1918 als liebenswerte Vorstadt, die Preßburger fuhren gerne nach Wien zum Einkaufen und zum Besuch der Theater. Von 1939 - 1945 war Bratislava die Hauptstadt der unabhängigen Slowakei, nach 1948 waren die nachbarschaftlichen Beziehungen zu Österreich durch die kommunistische Herrschaft
stark eingeschränkt.Bis 1990 benötigte man sogar ein Visum, um das Nachbarland zu besuchen. Seit 1993 gibt es die Slowakei in dieser heutigen Form mit der Hauptstadt Bratislava.

Wir fahren über die Donau und gelangen in die Altstadt mit Fußgängerzone. Am Anfang treffen wir auf die "rote" Gruppe, die mit den roten T-Shirts und roten Radtaschen von Rad & Reisen. Wir schieben unsere Räder durch die Stadt, es gefällt uns gut hier. Wir sehen viele alte Häuser, kleine Gassen und auf den Straßen stehen Tische und Stühle und laden zum Essen und Trinken ein, die Leute flanieren, es herrscht ein südliches Flair. Am Ende der historischen Altstadt werden Erinnerungen an die Karlsbrücke in Prag geweckt.

Plötzlich begegnet uns eine Radfahrergruppe, die uns bekannt vorkommt. Es sind die jungen Leute, die uns in Stopfenreuth fotografiert haben. Ein großes Hallo, vielleicht sieht man sich ja demnächst wieder.

Wir finden ein Lokal, in dem wir mit Kreditkarte bezahlen können. Das ist ganz praktisch, denn so brauchen wir keinen Geldumtausch vorzunehmen. Wir sitzen in einem sehr schönen Innenhof und trinken einen GV (Grünen Veltliner), es fängt leicht an zu regnen. Bevor wir aufbrechen, macht der Kellner noch ein Foto von uns Vieren. Wir bezahlen mit Mastercard und schieben unsere Räder in Richtung Donaubrücke.
Wir verlassen Bratislava und finden auf Anhieb "unseren" Radweg. Nach einigen Kilometern machen wir Rast auf sozialistischen Betonplatten, die neben dem Radweg "entsorgt" worden sind. Wir picknicken fürstlich mit Salami, Schinken, Käse, Baguette und natürlich "bor" = Wein. Wir haben es gut!!!
Das Wetter ist so richtig nach unseren Vorstellungen, nicht zu warm, aber auf jeden Fall trocken. Unser Radweg liegt wieder auf einem breiten Damm, auf dem uns auch Inline-Skater begegnen und überholen.

Viele Kilometer fahren wir parallel zur Donau. Vor Cunovo, kurz vor dem Kraftwerk, biegen wir rechts vom Radweg ab, überqueren eine asphaltierte Straße und fahren durch den Ort Cunovo hindurch. Am Ende haben wir leichte Orientierungsprobleme, zumal die Ausschilderung nicht optimal ist. Ich halte einen vorbeifahrenden VW-Bus mit Salzburger Kennzeichen an, und wir erfahren von dem deutschsprechenden Fahrer wie unser Weg in Richtung Grenze weitergeht. Wir sind sehr dankbar und froh und erreichen die Grenzstation Rajka.

Dort hat sich eine lange Autoschlange von einigen hundert Metern gebildet, und wir stellen uns artig hinten an. Nach relativ kurzer Zeit kommt ein Zöllner und macht uns durch Zeichen klar, daß wir mit unseren Fahrrädern nach vorne kommen sollen. Wir müssen uns nicht hinten anschließen, werden ausgesprochen freundlich behandelt und können in Ungarn einreisen - bei strahlendem Sonnenschein!

In dem ersten Ort - Rajka - suchen wir zunächst einen Geldautomaten, um uns mit ungarischen Forint auszustatten. Wir finden auch schnell eine Bank mit einem entsprechenden Apparat, es klappt hervorragend. Am Ende des Dorfes machen wir eine kurze Rast.

Dann geht's weiter in Richtung Mosonmagyarovar. Wir haben dort mittelprächtigen Gegenwind und Ilse und ich haben PPs (Po-Probleme)! Endlich erreichen wir Moson... und fragen uns durch zu unserem Hotel. Dazu müssen wir von dem Hauptweg am Wasserturm links abbiegen auf einen schmucken und beliebten Sozi-Pla (sozialistischer Plattenweg), der eigentlich nichts Gutes erwarten läßt.

Und dann stehen wir vor einem wunderhübschen Haus, nämlich dem "Hotel Panorama", das für die nächste Nacht unsere Heimat sein soll.

Bevor wir jedoch dieses Haus betreten können, verletzt Ilse sich beim Absteigen vom Rad (wahrscheinlich hat der Anblick dieses Hauses sie total in den Bann gezogen!) an der Halterung des vorderen Schutzbleches und reißt sich ein ziemliches Loch ins Fleisch des Schienbeins. Es blutet wie Schwein. Sie hat aber auch ein Pech!! Der Strumpf und die Turnschuhe bleiben auch nicht verschont.

Von unserem Zimmer haben wir einen traumhaften Ausblick auf den Fluß Leitha. Wir duschen uns und schmeißen uns in Gala (Sonderausstattung der Radwanderer), um im Restaurant des Hotels zu essen. Wir sind begeistert von dem Ambiente. Auf der überdachten Terrasse sind alle Tische besetzt, aber nach innen wollen wir uns bei den herrlichen Temperaturen nicht setzen. Darum fragen wir den Ober nach den Tischen und Bänken im nicht überdachten Gartenteil.
Die werden sofort für uns eingedeckt und die Bänke mit Kissen versehen. Wir speisen königlich zu bürgerlichen Preisen. Die Verständigung mit dem Service-Personal klappt prima, alle können deutsch. Oh, wie praktisch! Trotzdem frage ich unseren Kellner nach einigen ungarischen Vokabeln (ganz wichtig: Prost, danke, guten Tag usw.) Er schreibt mir die Wörter in meine Kladde und so kann ich mich bei Bedarf bedienen.
Nach dem Essen gesellt sich eine Gottesanbeterin zu uns. Sie sitzt mitten auf unserem Tisch. Es ist ein faszinierender Anblick, dieses grazile und filigran wirkende Geschöpf. Ich mache ein Foto mit Zoom, gehe bis auf wenige Zentimeter an das Tier heran, aber es fliegt nicht weg, läßt sich auch durch den Blitz nicht stören. Am Ende krabbelt es sogar in ein Schnapsglas. Wir sind fasziniert!
Allmählich leert sich der Garten, wir sind die letzten Gäste und um 23 Uhr ist für uns Zapfenstreich. Morgen haben wir die kürzeste Strecke
- nach Györ - vor uns.