9. Tag
5. Mai 2000
Freitag
75 km
Siofok - Tihany
 

Und immer noch scheint die Sonne und der Himmel ist blau!
Wir starten um 10.15 Uhr mit Ziel Tihany. Anfangs fahren wir parallel zum Wasser, an großen Hotelbauten und "sozialistischen Schönheiten" vorbei. Es wird viel gebaut, erneuert, ausgebaut; im Sommer brummt hier der Bär! Wir kommen durch Balatonvilages und freuen uns, immer ufernah und abseits der Hauptstraßen fahren zu können.

Es meldet sich auch wieder unser treuer Begleiter - der Kuckuck.

An der Uferstraße kaufen wir uns noch in einem Mini-ABC Nachschub an Wasser. Weiter geht es vorbei an wunderschönen Häusern, direkt am Ufer gelegen mit schönen gepflegten Gärten, bis plötzlich eine Schranke unseren Weg versperrt

Ein Mensch in dem dazugehörigen Pförtnerhäuschen gibt uns zu verstehen, dass wir die Anlage - es handelt sich um den Club-Aliga in Balatonaliga - nur mit einer Eintrittskarte (500 Ft.p.P.) durchfahren dürfen. Das ist doch moderne Wegelagerei, die wird durch uns nicht unterstützt!

Also heißt es zurück bis zur nächsten Abbiegemöglichkeit. Die liegt allerdings 5 km zurück.Wir müssen nämlich nach oben, auf die Straße am Hochufer. Dann finden wir einen schmalen und recht steilen Fußpfad nach oben. Da Heiko ein starker Kerl ist und seine Frau ein schwaches Weib, schiebt er beide Räder nach oben! Nun befinden wir uns auf dem Hochufer mit einem sagenhaften Blick über den Balaton.Der Weg führt uns weiter durch eine ruhige Wochenendhaus-Siedlung mit einem schrecklichen Holperpfad. Es handelt sich um Wege, die in nassem Zustand (Lehmboden?)

wahrscheinlich mit großen Lkw-Reifen ausgefahren wurden und dann getrocknet sind. Für uns Radfahrer ist das eine einzige Katastrophe. Wir fahren im kleinsten Gang und müssen wahnsinnig aufpassen, das wir nicht stürzen. Das ist mit dem schweren Gepäck nicht ganz einfach. Aber wir meistern es!
Es geht weiter ziemlich kreuz und quer, immer nach Gefühl für die Richtung und trotz kleiner Trinkpausen zwischendurch haben wir das Bedürfnis, einen Moment Rast zu machen. Dort wo die Eisenbahn wieder in Richtung Wasser fährt, in Balatonakarattya, sehen wir einen Hinweis auf Strand und Etterem! Wir fahren bergab, können die Räder einige Kilometer laufen lassen, kommen an den Strand, und was sehen wir: NICHTS! Alles geschlossen! Kein Etterem, kein ABC-Kiosk! Das ist ja mal wieder typisch. Man kann sich einfach nicht auf derartige Angaben und Hinweise verlassen. Überall steht dran : nyitva = offen, aber fast alles ist noch geschlossen. Keine Saison!
Wir können hier unten am Wasser einige Kilometer weiterfahren. Auf unserer Balatonkarte entdecken wir eine (von vielen) Fährverbindungen von Balatonkenese nach Balatonalmádi. Nach dieser bis jetzt doch recht anstrengenden Tour können wir uns diese Erleichterung eigentlich gönnen.
Wir kommen an die Fährstation, aber eine Fähre gibt es dort nicht - noch nicht, im Sommer bestimmt. Im Büfet trinken wir ein Wasser und erfahren beim Wirt, dass ein Schiff im Juni oder Juli fährt, jetzt nicht. Hätten wir uns ja eigentlich denken können, aber wir denken noch zu deutsch.
Weiter geht es, vorbei an (geschlossenen) Strandbädern und Campingplätzen, bis die Straße wieder die Bahn unterquert (Tunnel) und danach wieder steil ansteigt zur Landstraße 71 nach Balatonfüred.Nach einigen gefahrenen Kilometern auf dem Radweg neben der Straße entdecken wir ein Schild mit einem Symbol: Radweg Tihany. Na prima, nun wird ja alles gut weiterlaufen ohne Umwege oder Verfahren. Rechts der Straße ist die "Czárdá Kek-Obol", auf die wir zusteuern. Neben dem Haus stehen im Garten Bänke und Tische unter kleinen Reetdächern, es ist wunderschön angelegt; rundherum sind Blumen angepflanzt. Diese Czárdá ist auch im Internet zu finden, wie wir aus unseren Unterlagen ersehen. Wir genießen die Rast bei immer noch strahlendem Sonnenschein.
Danach geht es auf dem Radweg mit Ausschilderung Tihany weiter.

Er ist in einem recht guten Zustand, breit genug um nebeneinander zu fahren, aber plötzlich ist er "weg", er endet an einer Weggabelung, ohne Hinweis auf eine Fortsetzung. Naja, nun heißt es eben wieder: suchen.

Hinter Balatonalmadi kommen wir vom geplanten Weg ab.Wir landen auf einem Knüppeldamm mitten in den Weinbergen mit einem traumhaften Blick auf den See und unser nächstes Ziel: Tihany.

Von hier aus orientieren wir uns erst einmal und meinen, dass die größere Ortschaft unter uns Balatonfüred ist. Wir suchen den nächsten Weg, der abwärts zun Ufer führt und kommen zu einem Anleger mit hübschen gepflegten Parkanlagen. Wir sind der Meinung, es bald gepackt zu haben, stellen dann bei der Weiterfahrt jedoch fest, dass wir erst in Alsóörs sind und bis Balatonfüred noch ein paar Kilometer zu radeln haben.

Wir durchfahren Balatonfüred und 3 Kilometer hinter dem Ort biegen wir an der Gabelung der B 71 links ab auf die Halbinsel.Die Ortseinfahrt erreichen wir nach 70 km.Wir genehmigen uns zur Belohnung einen Schluck von Adam aus der Colaflasche. Nun heißt es: "Augen auf!" , denn wir suchen das "Gasthaus Adler" (hoffentlich haben die nicht auch geschlossen - bange Minuten für uns).

Wir fahren in Richtung Zentrum, es geht mal wieder fürchterlich bergauf und an der anstrengendsten Stelle klingelt mein Handy in der Lenkertasche. Total außer Atem nehme ich das Gespräch an. Es ist Andi mit der frohen Botschaft, dass sie den Job bei der BW erhalten hat (Zeitschrift für Politikwissenschaften)! Mensch, das ist eine total gute Nachricht, und wir freuen uns wahnsinnig mit ihr und für sie.
An der nächsten Gabelung entdecken wir einen Hinweis auf unser nächstes Bett. Nun sind es nur noch 900 m, dann stehen wir vor einem wunderschönen Haus - und es hat geöffnet! Vor dem Eingang stehen Kellner, denen wir unseren Zimmerwunsch mitteilen. Schon erscheint die Chefin und zeigt uns 4 Zimmer zur Auswahl. Wir entscheiden uns für das mit dem Balkon und sind total begeistert.

Wir haben von hier aus einen wunderschönen Ausblick auf den Plattensee und das gegenüberliegende Ufer. So was Schönes hatten wir uns nicht vorgestellt. Und das für DM 55,-- inkl. Frühstück!

Wir stellen unsere Fahrräder in den Eingangsbereich. Dann Abschnallen, Einräumen, Duschen, Haarewaschen und Landfein-Machen. Im Restaurant nehmen wir an einem Tisch auf der Terrasse Platz. Es ist jetzt 19.30 Uhr, die Luft ist mild, die Atmosphäre sehr edel, fast vornehm. Die Kellner sind sehr aufmerksam und freundlich. Wir bestellen "Lendenschnitte auf ungarische Art" und bekommen ein Riesenstück Rinderfilet mit Letschogemüse. Das Fleisch war in Senf mariniert und schmeckt sehr apart, außerdem ist es unwahrscheinlich zart. Nach dem Essen bekommen wir auf Kosten des Hauses ein Kirschwasser (Heiko) und ein Glas Sekt (für mich). Eine nette Geste!

Übrigens haben wir das Zimmer für zwei Nächte gebucht, da wir von Tihany ein wenig mehr sehen und auch ein wenig gammeln möchten.

Unsere heutige Tagesleistung waren ca. 75 Kilometer, die aber insgesamt sehr anstrengend waren, durch die teilweise sehr unwegsamen Wege, die mit dem Gepäck hintendrauf viel Kraft kosteten. Außerdem hatten wir etliche Steigungen zu bewältigen. Darum sind wir doch rechtschaffen müde und lassen den Abend relativ früh ausklingen.